Förderung der Kognition bei Kindern mit Down-Syndrom

In diesem Artikel lege ich am Beispiel meiner Tochter dar, wie wir durch Beobachtung, Analyse und Entwicklung von Handlungsoptionen Kinder in der Entfaltung ihres Potentials effektiv unterstützen können.

Kognitive Fähigkeiten entwickeln sich bei Menschen, die unter den Bedingungen von Trisomie 21 leben, prinzipiell in der gleichen Abfolge wie bei neurotypischen Menschen, nur langsamer. Aber die Verlangsamung der Entwicklung der kognitiven Fähigkeiten ist nicht so stark wie bei motorischen Leistungen oder der Sprache. Oft werden Kinder mit Down-Syndrom darum in ihrer Fähigkeit unterschätzt, Sachverhalte zu verstehen, Lösungen für Probleme zu finden und abstrakt zu denken. Aber nun wissen wir es ja, also: Auch wenn ein Kind mit Down-Syndrom mit 4 vorzugsweise krabbelt um voranzukommen und noch kaum spricht, kann es doch schon fähig sein, geschriebene Wörter wiederzuerkennen und Steckpuzzle zu machen.

Nichts ist bei der Förderung der Kognition so wichtig wie Beobachtung. Es ist alles andere als einfach, in den Aktivitäten eines Kindes die kognitive Leistung zu erkennen. Das ist vor allem der Fall, wenn wir den Umgang mit Funktions-Spielzeug anschauen und die jeweilige Funktion nicht genutzt wird, sehr wohl jedoch andere Fähigkeiten geübt werden. Ein Beispiel:

Ich habe meiner Tochter Juli zu Weihnachten eine Puppe geschenkt und ihr dazu ein Jäckchen und eine Hose genäht. Beide haben große Knöpfe, die es ihr einfach machen sollen, sie zu öffnen und zu schließen. Heute habe ich folgende Situation beobachtet:

Beobachtung

Juli ist fertig mit Frühstücken. Sie nimmt die Puppe, die neben ihrem Bett liegt, in beide Hände. Sie läuft mit der Puppe zu dem Korb, in dem sich die Puppenkleidchen befinden. Sie beugt ihren Oberkörper, drückt die Puppe mit der rechten Hand an ihren Körper und zieht mit ihrer Linken den Korb aus dem Regal. Sie setzt sich auf den Boden und nimmt mit der linken Hand das gelbe Jäckchen aus dem Korb. Sie drückt nun die Puppe mit dem Unterarm an ihren Bauch, mit den Fingern beider Hände nimmt sie das Jäckchen und stülpt, das Loch über das rechte Bein der Puppe. Sie zieht nun stark an dem Jäckchen nach oben, sodass es am Schritt der Puppe stoppt und sich das Jäckchen nach oben hin dehnt. Sie schaut sich um, trifft kurz meinen Blick, ich lächle und wende mich ab. Sie lässt den Stoff nun los und greift das Jäckchen mit der Linken bei einem der Knopflöcher und presst diesen Teil des Stoffes auf einen der großen silbernen Knöpfe. Die Puppe komprimiert sich unter dem Druck, Julis Gesicht sieht angestrengt aus. Dann schleudert sie ihren linken Arm, nach hinten, und lässt den Stoff dann los, die Puppe fliegt weit hinter sie. Sie geht zum Regal mit ihrer Kleidung, nimmt einige Teile raus, legt bzw. wirft sie auf den Boden. Einen Rock nimmt sie mit, setzt sich auf die Matratze […] einige Augenblicke später hat sie den Rock an, wobei das Bündchen hinten noch unter ihrem Popo hängt.

Nun könnte man sehen, dass sie es nicht geschafft hat, der Puppe die Jacke richtig anzuziehen. Aber was hat sie alles geschafft? Und welche kognitiven Leistungen stehen dahinter? An jedem dieser Punkte kann man nun anknüpfen, die Fähigkeit trainieren und ihr Gelegenheit geben, sie weiterzuentwickeln. Zunächst natürlich durch Wiederholung. Hier ein paar Anregungen, wie ich Juli in jeder ihrer Leistungen fördern kann und werde.

 

Analyse der kognitiven Leistung Handlungsoptionen
Sie sieht das Jäckchen nicht, weiß aber, dass es in dem Körbchen ist (Objektpermanenz).  Versteckspielen, mit uns als Personen und mit Gegenständen
Sie weiß, dass die Extremitäten der Puppe durch die Löcher in der Kleidung gehören. Formensteckspiele, Puzzelspiele
Sie kann nach Unterstützung fragen, wenn sie mit einer Situation überfordert ist. Ihre Fähigkeit nach Hilfe zu fragen, als Gelegenheit nutzen, spezifischere Kommunikation zu entwickeln, z. B.: Nicht ständig ihrer Bitte um Hilfe zuvorkommen oder ihren hilfesuchenden Blick mit “Hilfe?” für sie verbalisieren.
Sie weiß, dass Knöpfe und Knopflöcher etwas miteinander zu tun haben. Ihr die ganzen anderen Knöpfe an ihrer und meiner Kleidung zeigen, wenn wir uns anziehen. Und ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, wie ich die Knöpfe zumache.
Sie versteht (vermutlich), dass das Anziehen der Puppe der prinzipiell gleiche Vorgang ist, wie sich selbst etwas anzuziehen. Andere Transferleistungen zwischen der Puppe und ihr anbahnen: etwa, dass sie badet und die Puppe auch baden kann. Dass sie die Stofftiere und Puppen “füttern” kann, hat sie schon seit Längerem entdeckt (So-tun-als-ob-Spiel, eine hohe Abstraktionsleistung).
Sie kann nach Lösungen für ein Problem suchen. Probleme gibt es genug, auch in Julis Leben. Etwa, wie neulich, als sie eine Tür zuschlagen wollte, was sie liebt, aber ein Handtuch dazwischen lag. Nun bloß nicht das Handtuch wegnehmen und so das Problem für sie lösen. Vielmehr, es auskosten, die Situation zu beobachten. Schauen, wie und ob sie das Problem löst (Frustrationstoleranz üben). Wenn sie nach Hilfe fragt Kommunikation fördern (s.o.). Fühle ich mich nun danach, ihr helfen zu sollen, zeige ich ihr die Ursache ihrer Problems. Ich bin sicher, sie würde es spätestens dann auch lösen können – mal sehen.
Sie hat ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz. Ich muss mich entscheiden, in welchen Situationen ich ihr die Erfahrung gebe, dass ich mit meiner Liebe und Fürsorge auch ganz praktisch für sie da bin, und wann ich sie die Erfahrung der Frustration machen lasse, damit sie ihren Umgang damit findet.

Das ist sehr individuell, vom Kind, der Situation und  von der Persönlichkeit der Erziehungsperson abhängig. Ich werde das nächste mal wohl der Versuchung nachgeben, ihr zu assistieren und ihr zeigen, dass das Puppenärmchen in das Armloch kommt. Und beim dann nächsten Mal werde ich es mir wieder gönnen, mehr der Beobachter zu sein.

… und so vieles mehr.

Diese drei Schritte – Beobachtung – Analyse – Ableitung von Handlungsoptionen – sind in der Erziehung unser ganz basales Handwerkszeug. Dennoch begeistert es mich immer wieder, wie viel Einsicht sie ergeben, und wie viel inspirierter und fachlicher unser pädagogische Arbeit dadurch wird.

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