Dschuang Dsi

Taoistische Erziehungstipps von 350 v. Chr.

Die Kinder voll Energie, voll Übermut, übertreiben maßlos (kann man auch maßvoll übertreiben?). Flugmodus, kein Empfang. In uns fängt es an zu brodeln, wenn sie jetzt nicht hören, knallts. Dschuang Dsi, ist hier überraschend pragmatisch und schreibt 350 v. Chr. im Wahren Buch von Südlichen Blütenland:

“Der beste Weg ist es, im äußeren Benehmen auf ihn einzugehen, dabei in der inneren Gesinnung unbeirrbar zu bleiben. Immerhin, beides hat seine Schwierigkeiten. Wenn du äußerlich auf ihn eingehst, darfst du doch nicht mitmachen wollen; deine innere Unbeirrbarkeit darf sich niemals äußern wollen. Ließest du dich, indem du äußerlich auf ihn eingehst, dazu hinreißen, bei seinen Taten mitzumachen, so wäre es endgültig um dich geschehen; würdest du deine innere Festigkeit äußerlich hervorkehren, so würde er bald in dir nur den abscheulichen Popanz sehen. Darum, benimmt er sich
als Kind, so sei ein Kind mit ihm; schlägt er über die Stränge, so tue mit; ist er überschäumend (in Jugendmut), so sei du ebenso! Auf diese Weise kommst du in innere Verbindung mit ihm, so daß du ihn zum Rechten leiten kannst.”

Kennst du nicht die Geschichte von der Gottesanbeterin, die zornig ihre Arme ausstreckte, um den Wagen aufzuhalten, ohne zu bedenken, daß das über ihre Kräfte ging?

Was bedeutet das für uns als Erzieherinnen und Erzieher?

Wir Erzieher sind die Gottesanbeterin, mit unserem Unterfangen machtlos gehen den Wagen, der auf uns zurollt, gegen die Kinder mit ihrer unaufhaltsamen Energie. Die Empfehlung: Auf den Wagen aufspringen, mitfahren, entschleunigen, umlenken. Soweit die Metapher.

Wenn wir versuchen, diese erzieherische Haltung einem der klassischen Erziehungsstile zuzuordnen, dann finden wir einerseits den permissiven Stil, da wir dem Kind ja nachgeben sollen. Andererseits sollen wir die so etablierte Beziehung nutzen um unsere das Kind zu gewünschten Verhaltensweisen zu motivieren. Das würden wir eher einem autoritären Erziehungsstil zuordnen.

Grundsätzlich sollten wir primär autoritativ, also durch Vorbild bzw. demokratisch, also durch Aushandeln von Regeln, erziehen. Doch das wird nicht immer klappen. Das Kind ist vielleicht aufgekratzt, überdreht, in seiner eigenen Welt. Gackern, kichern, frech sein usw. Mittels Vorbild oder Aushandeln kommen wir nicht an das Kind ran. Die Kinder ignorieren unsere Worte, lachen uns aus. Unser Herzschlag steigt, Suche nach einem passenden Machtwort läuft, mögliche Drohungen kommen uns in den Sinn (kein Freundesbesuch morgen, oder doch einfach Video am Abend canceln?), aber für eine Abwägung ist es zu spät, der letzte Tropfen ist schon im freien Fall, vielleicht als frecher Kommentar eines Kindes, das Fass läuft über. Irgendetwas platzt heraus, es wirkt sofort, das Treiben ist jäh beendet. Sowas passiert und ist auch kein Drama.

Aber geht es auch anders?  Was passiert, wenn wir uns einmischen, in die kindliche Welt eintauchen, mitgackern, für ein paar Momente. Uns einlassen. Mit unseren Worten, unserer Körperhaltung, unserer Position. Wir werden die Kinder so auf eine andere Weise wahrnehmen, und die Kinder uns. Das ist nicht anbiedern oder manipulieren, auch keine Regression in infantile Phantasien. Das ist aktive Perspektiv-Übernahme um einen Rapport aufzubauen, der wieder verbale Kommunikation ermöglicht. Nun können wir wieder zu den Königs-Disziplinen übergehen, in den Vorbild (autoritativer Stil) und Gespräch auf Augenhöhe (demokratischer Stil) wieder möglich sind.

Das Wahre Buch vom Südlichen Blütenland, Dschuang Dsi, Buch 4, Übersetzung nach Richard Wilhelm, 1974.

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