9-jähriger auf der Schulfeier: “Try my balls” – Wie sollte die Schule reagieren?

“Wenn du diese Eier magst, warum probierst du nicht mal meine aus?” 9 Jahre alt, seine Mitschülerin hatte bei einer Schulfeier kommentiert, dass sie diese (Schoko-)Eier auf dem Tisch liebt. Der zitierte Junge lebt seit einem Jahr mit seiner Familie in Chile und geht auf dort auf eine internationale Schule. Seine Mutter, eine gute Freundin, hat mich zu dieser Situation um meine Meinung gefragt.

Die Rektion der Schule war: Nachsitzen, Bericht an die Eltern und ein Reflexions-Tag. Die Resolution für den Jungen war, dass er vor Mädchen nicht so sprechen sollte wie man vielleicht in der Sport-Umkleide unter Jungs spricht (locker room talk).

Man kann an diese Situation natürlich verschiedene Fragen stellen. Ich möchte das pädagogisch Eigentliche betrachten, also den Blick auf die Entwicklung des Jungen richten, genauer, auf die Entwicklung seiner Sexualität. Also:

Wie kann man diese Situation bestmöglich nutzen, um den Jungen in der selbstbestimmten Entwicklung seiner Sexualität und seinem geschlechterbezogenen Sozialverhalten zu unterstützen?

Eigentlich sollten wir diese Frage auch bezüglich des Mädchens stellen, aber hierzu fehlen mir schlicht und einfach Informationen. Analysiert man nun die Maßnahmen der Schule auf diese Frage hin, fallen besonders Trennungen (Separation) ins Auge. Man könnte vier Trennungen identifizieren:

  1. von Mitschülern isoliertes Nachsitzen
  2. getrennte Gespräche des Jungen und des Mädchens
  3. Bericht an die Eltern über den Kopf des Jungen hinweg
  4. Empfehlung, unter Jungs anders zu kommunizieren als gegenüber Mädchen

Separation führt jedoch nicht dazu, dass der Junge ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Ja, es führt wahrscheinlich zu temporärer Anpassung seines Verhaltens in den konkret genannten Situationen, was dann aber nicht seiner inneren Haltung entspricht. Seine innere Haltung und sein Verhalten in sozialen Situationen sind also nicht integriert. In einer emotional herausfordernden Situation, etwa unter Gruppendruck seiner Peers, als “bystander” oder in einer aufregenden intimen Situation wird er auf dieses auferlegte Verhalten nicht zuverlässig zugreifen können.

Wünschenswert wären Maßnahmen der Schule, die dem Jungen zur Entwicklung eines reflektierten Selbst und damit zu authentischer und verantwortungsvoller Kommunikation zu verhelfen. Betrachten wir jeden der vier separierenden Aspekte einzeln und fragen wir, wie man ihn stärker hinsichtlich Integration akzentuieren kann:

  1. Das Nachsitzen. Was wird das in dem Jungen auslösen? Er wird sich einerseits schämen und andererseits in einem inneren Dialog sein Verhalten rechtfertigen. Das macht es für ihn schwieriger, sich nachher mit Verständnis und Einsicht auf Gespräche über die Situation einzulassen. Es wird erst einmal einige Energie kosten, den Jungen wieder in Entwicklungsstimmung zu bringen. Also vielleicht einfach das Nachsitzen weglassen.
  2. Getrennte Gespräche. Die geführte Begegnung von den beiden Beteiligten halte ich für essentiell. Es sollte zunächst Raum geschaffen werden, um Wahrnehmungen, Emotionen und eventuelle Verletzungen zu teilen und zu verstehen. Sollte sich ein oder beide Beteiligte verletzt fühlen, ist “Restorative Justice” ein hochinteressanter und bewährter Ansatz. Im Kern geht es dabei darum, die verletzende Person zu ermutigen, die verletzte Person zu fragen: “Was brauchst du, damit es dir besser geht?”
  3. Information der Eltern. Werden die Kinder an der Mitteilung an die Eltern nicht beteiligt, riskiert man, dass sich potentielle kommunikative Türen zwischen Eltern und Jungen erst einmal schließen. Der Junge weiß, dass demnächst die Eltern das Gespräch suchen werden und bereitet sich schon mental auf die Auseinandersetzung vor. Diese Verteidigungshaltung ist kein guter Boden für ein entwicklungsförderndes Gespräch. Anstatt die Kinder von der Mitteilung dieser Situation an die Eltern auszuschließen, könnte man beide Kinder fragen, wie die Eltern informiert werden sollen. Dann sind die Kinder auf jeden Fall schon mehr im Boot. Vielleicht entscheiden sie sich ja sogar, selbst den Eltern davon zu erzählen, was natürlich die besten Chancen auf ein konstruktives Gespräch eröffnet.
  4. Jungen versus Mädchen. Dem Jungen wird nahegelegt, gegenüber Mädchen so und unter Jungs anders zu sprechen. Wenn er nun also lernt, je nach Kontext die eine oder die andere Erwartung zu erfüllen, wo bleibt denn da die Chance zur Entwicklung einer eigenen Haltung? Was findet er denn richtig? Statt sich Verhaltensweisen von dem Jungen zu wünschen, sollte er unterstützt werden, eine reflektierte eigene Position zu entwickeln. Er sollte ermutigt werden, dieser Haltung treu zu sein, und zwar unabhängig vom Geschlecht seiner Kommunikationspartner.

Wenn es gut läuft, trägt so die erlebte Situation dann zur Entwicklung eines gefestigten flexiblen Selbst (solid flexible self ®) bei. Allein durch sein Standing könnte sich zukünftig in seiner Präsenz die abschätzige Kommunikation über (weibliche) Sexualität unter Jungs reduzieren. Er wird wahrscheinlich auch nicht einfach indifferent zuschauen, wenn er mit seinen peers Zeuge oder Mittäter sexuell übergriffigen Verhaltens wird. Auch wenn er im Jugendalter in intime Beziehungen eintritt, wird er mit größerer Wahrscheinlichkeit verständnisvoll und respektvoll handeln und selbiges für sich einfordern.

Viele Jugendliche sagen in Umfragen, dass sie ihre ersten sexuellen Kontakte bereuten (bis zu 53 %) oder sich benutzt fühlten (bis zu 54 %). Dabei sollten diese Erfahrungen doch von Lust, Respekt und persönlichem Wachstum geprägt sein. Als Pädagogen haben wir die eine einzigartige Chance, junge Menschen in der selbstbestimmten Entwicklung ihrer Sexualität zu unterstützen, damit sie gesunde Beziehungen zu ihren Partnern und zu sich selbst aufbauen.

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